Übersetzung: Fiamma Camesi

eloise

Da wo Eloise wohnt, gibt es hinten eine Wiese. Eine Art leeres Feld auf dem sie oft vor sich hingeträumt hat. Gerade fotografieren sich Jugendliche gegenseitig mit dem Handy. Sie sitzen auf einem Baumstamm, der von den Kindern im Quartier bemalt worden ist. Sie sind, wie sie war: Antworten abwarten, auf Fragen die sie nie gestellt haben. Heute hat sie ein Leben hinter sich, um ihre Fragen zu stellen. Auf die Antworten wartet sie immer noch. Einige Antworten kamen mit ihrem ersten Kind. Sicherlich werden keine weiteren folgen. Warum konnte sie nie die Welt erreichen, die sich ausserhalb von ihr zu bewegen schien. Warum hört sie nur noch Geräusche? Warum sieht sie nur, was sie kennt, aber nicht wieder erkennt? Alles ist nur die Hälfte von dem was es einmal war.

Sie hatte ein Pferd, dass man mit ihrem Namen rief. Heute nimmt sie einen Bus mit Handlungsnummer. „1“ um einen Tee trinken zu gehen, „2“ um etwas Gemüse zu kaufen, „3“ um Rumy-cube spielen zu gehen, „1“ oder „2“ um nach Hause zu gehen. Auf der Wiese sind jetzt etwas mehr Leute. Auch wenn sie traurig aussehen, verstehen sie es Gruppen zu bilden, um sich zu stellen. Wem stellen? Wir haben uns wie Orangenschalen umgestülpt. Aussen das Fruchtfleisch, saftig, süss. Die Schale tief in einem selbst, voller Pestizide, hart, aggressiv. Es gibt keinen Kampf mehr, den man in Gruppen führt. Vielleicht derjenige, mit der Zeit die vergeht.

Vor zwei Wochen war Weihnachten. Sie hat sich den letzten Harry Potter geschenkt und hat ihn bereits fertig gelesen. Ihre Welt ähnelt seiner, ausser die Schule, da hat sie keinen Zutritt mehr. Sie fragt sich wann sie die Türe zu ihrer inneren Kraft, geschlossen hat
Sie steht auf und geht hinaus, ohne ihre Stock.

Thomas wartet

Thomas ist da. Er wartet. Er weiss nicht. Was sie erwartet.

Thomas sitzt, er denkt nach. Sie hat ja gesagt. Sie kommt zu ihm, nicht in sein Bett.

Ohne Eile setzt er Wasser auf. Sie könnten zusammen Tee trinken. Genug Zeit also um sie zu fragen.

Er lässt sich gehen, er träumt vor sich hin. In seinen Gedanken gibt es Wasser, gibt es Arme. Es gibt sie, ihr Geruch, ihre Haut, ihre Stimme. Es gibt ihn, und gar nicht so ungeschickt.

Es klingelt an der Tür, sie ist es, bei ihm zu Hause.

Er öffnet die Tür, sie ist es mit Marie.

Marie

Marie geht rasch Richtung Ausgang, als ob sie flüchten will. Sie knallt die Türe hinter sich zu. Der Rest der Familie zuckt zusammen. Ihr Vater steht schon, macht die Türe auf, will sie anschreien. Er sieht sie nicht: sie ist schon weg.

Plötzlich bekommt er Angst und schreit: „Marie!“

Sie hört ihren Vater ihren Namen rufen. Sie ist nicht sein Hund. Er hat sie nicht so zu rufen. Sie ist entschlossen. Heute Abend ist sie nicht mehr das kleine Mädchen von ihrem Papa.

Paul

Hinter Pauls Rücken gibt es nichts. Keine Fotos, keine Bücher, keine Fenster. Nur eine glatte Trennwand aus Plastik.

Paul isst einen Getreideriegel, den er aus seiner Reserve, der untersten Schublade rechts in seinem Schreibtisch, genommen hat. Er isst ohne Begeisterung etwas Süsses.

Neben Paul gibt es nichts. Keine Fotos, keine Bücher, keine Fenster. Nur eine glatte Trennwand aus Plastik mit einer Tür.

Paul guckt sich das Dossier auf seinem Büro an. Er blättert es abwesend durch. Den Inhalt kennt er in- und auswendig: Es ist die Frucht seiner Arbeit.

Gegenüber von Paul gibt es nichts. Keine Fotos, keine Bücher, keine Fenster. Nur eine glatte Trennwand aus Plastik.

Er fragt sich, warum er hier ist. Wieso er sich nie die Zeit genommen hat, seinen Arbeitsplatz einzurichten. Er schiebt den Stuhl nach hinten, geht in die Knie und macht sich ganz klein unter seinem Schreibtisch, um nachzudenken. Er verschwindet gerne in diesen kleinen Würfel. Dort ist es dunkler. Man fühlt sich weniger eingeengt, als wenn man der Leere gegenübersitzt. Pauls Chef hat ihn gebeten den Bericht über das neue Projekt: flexible Einrichtungen bis Morgen, 8 Uhr, zu überarbeiten.

Über Paul ist sein Schreibtisch. Keine Fotos, keine Bücher, keine Fenster, nur eine saubere Mischung aus Holz und Leim.

Gerade hat er bemerkt, dass ein Papierkorb in seiner Hütte ihn stört. Bevor er den Papierkorb rausschiebt, wühlt er darin herum. Er kennt seinen Inhalt, er hat ihn schliesslich gefüllt. Ganz oben ist die Verpackung vom Getreideriegel. Unten ist nichts. Die Papierkörbe werden jeden Abend geleert. Es ist ihnen verboten Papier wegzuwerfen. Nicht weil dieses recyclet, sondern zwischen den Zähnen des Krokodils im Keller, zerdrückt, zerfetzt und gefressen wird.

Unter Paul ist eine sehr harter und rauer Spannteppich. Paul sagt sich, dass er bestimmt über fünfzig Jahre alt ist und noch genau gleich sein wird, wenn er selbst nur noch Wind ist. Er ist solider als er, Paul. Mit seinen Fingern versucht er Fäden zu ziehen, ohne Erfolg.

Paul hat sich wieder erhoben. Er steht aufrecht. Er nimmt einen Filzstift und schreibt auf das Dossier: „Dieser Bericht entspricht dem Auftrag. Ich arbeite nicht nachts.“

Isabelle

Isabelle ist zu Hause. Sie hat sich schön gemacht, sie geht aus, auch alleine. Ihre Freundin ist weggegangen, als sie ihr von ihrem fremdgehen erzählt hat.

Es gibt Sachen, die macht man nicht. Es gibt Sachen, die kann man nicht. Es gibt Sachen, die darfst du nicht.

Sie waren sich immer sehr nah, auch wenn Sophie weniger hässlich ist. Sie hat es gewagt und dann hat sie sogar davon erzählt. Sie hat sich in den Armen eines anderen Jungen gehen lassen.

Man hätte es dabei belassen können, aber die anderen haben aus einer Mücke einen Elefanten gemacht.

Tu nicht dies, tu nicht das. Dein Mann hat Sorgen.
Tu nicht dies, tu nicht das. Er hat genug Sorgen, auch ohne dich.

Im Gehirn ihres Liebhabers weht eben ein anderer Wind, als der der Arbeit und dem Kind, das uns die Zähne ausreisst.

Es gibt Zeit und Lieder. Bei ihrem Liebhaber gibt es alles um den Verstand zu verlieren. Und dann ist er da, wenn sie sich sehen. Er ist da, wenn sie sich nicht sehen. Er ist da, wenn sie nicht an ihn denkt. Er ist da, um sie in die Arme zu nehmen.

Auch wenn es ihr ein bisschen weh tut, dank ihm ist sie ständig in Bewegung, von diesen Händen und ihren Hunden verfolgt, der Alltag.

Der einzige, der sie anbinden könnte, ist er. Sie gibt sich vollends.

Claire

Es ist spät, ihr letzter Zug fährt in drei Minuten. Es ist spät, Claire rennt. Ihre kleinen Schuhe mit den harten Sohlen klopfen auf die leeren Strassen. Sie haben den Abend damit verbracht, ihren Vortrag für Morgen zu schreiben. Ihre Lunge brennt. Sie rennt nicht oft genug. Sie ist ein Geräusch, das sich gegen die stillen Mauern bricht. Sie füllt die Strasse mit ihrer Anwesenheit. Sie wird ihren Zug verpassen. Es ist spät, sie hat Angst. Sie guckt die Zeit auf ihrem Handy. Sie sieht schlecht. Es ist zu spät, der Bahnhof entfernt sich, als er sie kommen sieht. Sie wird ihn nicht
einholen können. Auf dem Gleis ist nur sie. Es hat überhaupt nur sie gegeben, ihr Handy in der Hand, das Geräusch ihrer Schritte, das Feuer in ihrem Blut. Der Bahnhof, flach wie eine Fischhaut gleitet unter ihr, teilnahmslos.

Bei jedem Windstoss auf ihrer Haut bricht der Raum mehr und mehr zusammen. Sie geht selbstsicher, aber weiss nicht wohin. Es ist es Nacht und plötzlich wird es ist kalt.

Roger

Roger hat schlecht geschlafen. Schon seit Wochen lässt seine Frau ihn nicht ran. Er fühlt sich so anziehend wie eine Socke. Er träumt von brutalem Sex und fantasiert von seiner Sekretärin.

Er malt sich aus, wie er sie ins Büro bittet.

  • Beweg dich nicht!

Er würde mit der Hand unter ihren Rock gleiten und einen Po mit perfekten Kurven entschleiern, wie für seine Hände gemacht. Nach ein paar Spielchen mit den Handballen und seinen Fingern, würde sie anfangen sich zu winden, in Erwartung seines erigierten Pendels. Er würde in sie eindringen und sie zwingen die Einladung, die Vorstellung des Projektes der Pendelärsche, für die Aktionäre zu schreiben. Er sieht wie er sein Diktat mit heftigen Beckenstössen punktuiert, seine Hände auf ihrem Rücken, seine Hände auf ihrem Rücken, seine Hände auf ihren Schultern, seine Hände auf ihrem Rücken, seine Hände um sich am Schreibtisch festzuhalten, sie und er auf seinem Stuhl, vor allem nicht auf dem Boden, der Spannteppich ist hart und tut an den Knien weh.

Er holt tief Luft, nimmt den Hörer ab, ein vager Blick auf das Dossier neben dem Telefon. Er wählt die 63, das ist die Nummer seiner Sekretärin.

Claire – telefon

Angelehnt an ein Brückengeländer schaut Claire einzelnen vorbeifahrenden Autos nach. Sie hat sich entschieden, dass sie ihn darum bittet bei ihm übernachten zu können, bevor es zu spät ist.

  • Ja hallo, Thomas?
  • Hallo, da ist Claire. Ich habe meinen Zug verpasst.

Stille. Muss man fragen? Warum bietet er es nicht von selbst an ?

  • Meinst du ich könnte bei dir übernachten? Ich weiss nicht wohin sonst.

Selbstverständlich will er nicht, dass sie die Nacht draussen in der Kälte verbringt. Er will dass sie bei ihm schläft, schön warm in seinem Bett.

  • Ja, ja, kein Problem. Erinnerst du dich an den Code, 1,2,5,6 ?
  • Danke!
Sie tut das Handys wieder in ihre Tasche. Sie schaut sich um, die Brücke, die Nacht. Die Gewissheit die Nacht nicht draussen in der Kälte verbringen zu müssen, gibt ihr Sicherheit. Sie geht gemächlicher als vorher. Langsam geht sie wieder zurück. Es sind nicht viele Menschen unterwegs. Vor der Bushaltestelle sieht sie Marie. Marie hat sich mit ihren Eltern gestritten. Da fällt Claire ein, dass sie ihre Eltern nicht angerufen hat.
  • Hallo Mami, ich habe den Zug verpasst. Ich schlafe bei Thomas. Nein, mach dir keine Sorgen.

Marie weint

Marie geht rasch Richtung Ausgang, als ob sie flüchten will. Sie knallt die Türe hinter sich zu. Der Rest der Familie zuckt zusammen. Ihr Vater steht schon, macht die Türe auf. Sie hat sich nicht von der Stelle bewegt. Sie weint leise. Er weiss nicht mehr welche Rolle er hat. Er sieht sie an, es tut ihm leid, er sagt: „Wir sind beide ein wenig verletzt. Morgen sprechen wir darüber. Pass auf dich auf!“.

Thomas und Claire

Thomas hat lange Zeit gebraucht um sich zu entscheiden und Claire zu fragen, ob sie mit ihm zusammen arbeiten möchte. Er kann sich nicht konzentrieren, in einer Viertelstunde muss sie gehen. Er betrachtet sie, wie sie ihre Notizen sorgfältig in den Computer eingibt. Sie ist so nah bei seinen Händen, aber doch so weit weg, dass er reglos bleibt. Sie ist nicht bei ihm zuhause, sie ist nicht in seinem Zimmer, sie ist nicht verführerisch. Er ist nicht berührt. Er möchte nackt sein, sie an sich pressen, ihre Haut streicheln, sie atmen hören, während sie schläft. Sie würde sein Zimmer mit ihrem Geruch erfüllen, ihren Kleidern, ihren Büchern, ihren Haaren, ihrer Stimme. Sie würde die Stille seines Blickes erfüllen. Er würde es so gerne versuchen, bloss fragen. Sie wird denken, dass er alles von langer Hand vorbereitet und organisiert hat. Sie denkt bestimmt, es sei eine Falle und lässt ihn kaltschnäuzig abblitzen. Hastig steht sie auf. Kaum hat sie hat ihren Satz zu Ende geredet „Ich lass dich fertig machen“, schon ist sie gehbereit in ihren kleinen Schuhen. In Panik steht er auf, er spürt das er alles vermasseln wird, bittet sie zu bleiben.